Wenn der jüdische TSV Maccabi München – offen für alle sich mit einem Konzertevent gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der Öffentlichkeit positioniert, dann hat das Gründe.

 

Wer als Fußballliebhaber mit offenen Augen den Amateur- und den bezahlten Fußball wahrnimmt, dem bleibt nicht verborgen, dass die oben genannten „Übel“ im Fußball eine Rolle spielen.

 

Unsere Kinderteams und unsere 1. Mannschaft sind in den letzten Jahren verdeckten und auch vereinzelt offenen antisemitischen und rassistischen Diskri-minierungen ausgesetzt gewesen. 

 

Wir wissen, die „Fußballgesellschaft“ tickt nicht anders als die sogenannte „Zivilgesellschaft“. Im Fußball spiegelt sich das.

 

Zum besseren Verständnis hierzu einige Forschungsergebnisse der Landzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ des Bielefelder Professors für Pädagogik, Wilhelm Heitmeyer, die der Journalist Ronny Blaschke in seinem Buch „Angriff von Rechtsaussen“ zitiert.

 

  • In Deutschland gibt es zu viele Ausländer. Da stimmten 49 % der Befragten zu.
  • Muslime sollte der Zuzug nach Deutschland grundsätzlich verwehrt werden. Das finden 26 % in Ordnung.
  • Die Juden haben zu viel Einfluss. 16 % der repräsentativen Gruppe waren dieser Überzeugung.
  • Dass die „Weißen“ besser sind als z. B. die Gelben und die Schwarzen und sie sich deswegen das Recht nehmen können, ihren Führungsanspruch weltweit geltend zu machen, 11% bekannten sich zu dieser Einstellung.

 

Ausgehend von diesen Erhebungen gibt es eine logische Verbindung zum Anwachsen von rechtsradikalen Gruppen, die u. a. versuchen, den Fußball und die Musik für ihre Einstellungen und Botschaften zu misbrauchen.

 

Maccabi München und Freunde mischen sich in diese Auseinandersetzung „braun oder bunt“ ein. Mit dem Konzertprojekt „Music for Goals“ setzten wir ein starkes Zeichen für eine Gesellschaft, in der die Würde jedes Menschen respektiert und geschützt wird.

In der Musik und im Fußball, wir lieben beides, steckt die Kraft des Verbindenden, des Integrativen. Deswegen ist „Music for Goals“ Musik für Ziele ein kreatives und starkes Zeichen gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im Fußball und in der Gesellschaft.

 

Partner in diesem Engagement sind:

 

  • Die Initiative „Nie wieder! - Erinnerungstag im deutschen Fußball“, bei der sind wir Gründungsmitglied.

Am Spieltag um den 27. Januar, an diesem Tag wurden 1944 die Auschwitz- Häftlinge von der Roten Armee befreit, wird in den Stadien der beiden Bundesligen und auch im Amateurfußball an die Opfer der Nazidikatatur erinnert, ihrer in Anteilnahme gedacht und die Fans aufgerufen, sich gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im Fußball und in der Gesellschaft zur Wehr zu setzen. Durch die Stadionsprecher, die Inter- netportale der Vereine und der Landesverbände, in den Stadionmagazinen werden die Texte der Initiative veröffentlicht.

Viele Fangruppen engagieren sich an diesen Spieltagen mit intelligenten Aktionen im Stadion.

Die „Deutsche Fußball Liga“ (DFL), die Interessenvertretung alles Bundesliga- Vereine, ist Kooperationspartner, der „Deutsche Fußball Bund“ (DFB) ebenfalls.

 

  • Der Bayerische Fußball-Verband mit seinem engagierten Präsidenten Dr. Rainer Koch.

 

  • Die Israelitische Kultusgemeinde von München und Oberbayern mit ihrer Präsidentin Dr. h. c. Charlotte Knobloch

 

  • Die Löwenfans gegen Rechts (Julius Hirsch Preisträger) und die Schickeria vom FC Bayern München

 

  • Die Evanglische Versöhnungskirche auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau mit Klaus Schultz

 

  • Das Institut für Fußball und Gesellschaft mit Peter Schüngel

 

  • und viele mehr...

 

 

Eigen- und Fremdtexte zum Thema „Rassismus und Fußball“

 

„Erinnerungstag im deutschen Fußball“ am 20. Spieltag um den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, 27. Januar 2010, geschrieben für die Stadionmagazine

 

Sich Erinnern und die Zukunft gestalten

Was wollte Sir Alex Ferguson, Trainer von Manchester United, und sein Stab am 27. Juli 2009 in der KZ-Gedenkstätte Dachau? Bei seinem Team, das spielte beim Audi-Cup in München, dort hättet man ihn erwartet.

Was führt einzelne Fans und Fangruppen auf ihrem Weg zum Spiel gegen die „Bayern“ oder die „Löwen von 1860“ in die KZ-Gedenkstätte Dachau - 77 Jahre nach der Errichtung des ersten Konzentrationslagers im Nationalsozialismus?

Ja, das ist so - Menschen, die mit Fußball in Berührung stehen, für ihn arbeiten, ihn lieben, machen sich auf Spurensuche in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Auschwitz. Sie nähern sich der schockierenden und verstörenden Menschen-Vernichtungsgeschichte dieser Orte. Und wenn sie zu ihrem Team, zu ihrem Spiel und zu ihren Freunden zurückkehren, dann haben sie keine glatten Antworten parat. Sie sind weiterhin erschrocken und empört.

Was ist für sie anders geworden? Sie verstehen, dass heute ihre Stimme gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus in der Kurve und in den Kreisen, in denen sie verkehren, gefordert ist. Sie haben verstanden, es liegt in der Natur des Fußballs, Freundschaften zwischen Vereinen und Nationen durch dieses wunderbare Spiel zu stiften und es liegt nicht in seiner ursprünglich Natur, andere Menschen auszu- grenzen, zu diskriminieren, sie zu verletzen.

Damit sind sie mit vielen Anderen Sympathisanten und Förderer des „Erinnerungstages im deutschen Fußball“, der seit 2005 unter der Schirmherrschaft der Deutschen Fußball Liga – DFL am Spieltag um den 27, Januar, dem „Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus“, in beiden Bundesligen durchgeführt wird.

Der „Erinnerungstag im deutschen Fußball“ steht historisch in Zusammenhang mit dem 27. Januar 1945. An diesem Tag befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau. Damit setzen sie dem Massenmord ein Ende, von Deutschen geplant, brutal und kalt vollzogen, an den europäischen Juden, den Sinti und Roma und an allen, die gegen das verbrech-erische Naziregime Widerstand geleistet hatten.

Am heutigen Spieltag um den 65. Jahrestag der Befreiung der Auschwitz-überlebenden erinnert und gedenkt unser Verein der Menschen, die auf Grund ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer politischen Überzeugung, oder anderer Einstellungen zum Leben, ausgegrenzt, verfolgt und ermordet wurden. Dieses Erinnern gibt ihnen und ihren Familien einen Teil ihrer Würde zurück.

Von der damaligen Führung des DFB angewiesen, aber auch aus eigenem vorauseilendem Gehorsam hat auch unser Verein in Zeiten des Nationalsozialismus seine jüdischen und kommunistischen Spieler, Mitglieder und Funktionäre ausge-schlossen. Ihrer sportlichen Heimat beraubt, waren sie und ihre Familien der mörderischen Nazi-Willkür schutzlos ausgeliefert.

Zu den Opfern aus unserem Verein gehören: (beispielhaft: Julius Hirsch, Friedrich Mandelbaum, etc.) Sie bleiben unvergessen.

Aus Respekt vor diesen Menschen und ihren Familien und weil dieser Wahnsinn nie wieder geschehen darf, sind alle Fußballfreunde aufgefordert, sich über die Vereinsgrenzen hinweg, den zerstörerischen Übeln Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus im Stadion und in der Gesellschaft entgegen zu stellen.

Die Fans, die „Kurve“ versteht das, weil sie einen Fußball lieben und leben, der bunt, der stark und der leidenschaftlich ist, der verbindet und nicht ausgrenzt.

Dass soll so bleiben in unserem Stadion, in unserem Verein und in unseren Fange-meinschaften. Dafür stehen wir. Dafür setzen wir uns ein.

 

Interview mit Ernst Grube

zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust am 27. Januar 2011

 

Ernst Grube, 78 Jahre, Münchner, ehemaliger Jugendspieler des TSV München von 1860 und Helios München, Malermeister, Stellvertretender Präsident der Lagergemeinschaft Dachau.

 

Ernst Grube war von Februar bis 8. Mai 1945, als 12jähriger, zusammen mit seinen beiden Geschwistern und seiner Mutter, Häftling im ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt (heute Tschechien). Wer nicht dort schon ermordet wurde, den trieben die SS-Schärgen in Auschwitz ins Gas. Die Befreiung der überlebenden Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch die Rote Armee rettete ihm und seiner Familie das Leben. Ernst Grube lebt heute in München. Er spielte von 1947 bis 1951 in den Jugendmannschaften von TSV München von 1860 und Helios München als linker Verteidiger.

Ernst Grube, nach deiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt durch Soldaten der Roten Armee bist Du zu den »Sechzigern« gegangen.

 

Der TSV München von 1860 war damals ein richtiger Arbeitersportverein. Ich fand das gut, und da wollte ich hin. Fußballspielen war für meine Altersgenossen und mich die Freizeitbeschäftigung schlechthin.

Für mich persönlich bedeutete das Fußballspielen im Verein, dass ich gleichberechtigt war und akzeptiert wurde. Das war für mich ein ganz neues Gefühl. In der Nazizeit erlebte ich fast nur Ausgrenzung. Ich durfte weder in die Schule gehen, noch in einem Verein Fußball spielen.

 

Als Du dann von Theresienstadt nach München zurückgekommen bist und gekickt hast, wie war das für Dich nach Ausgrenzung und Diskriminierung?

 

Unglaublich schön. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben frei und von Gleichaltrigen angenommen gefühlt. »Elf Freunde sollt ihr sein! « Das hört sich heute altmodisch an. Für mich war der Satz klasse. Ich habe ihn aufgesogen und gelebt. Für mich war der Teamgeist in meiner Mannschaft gut für meine Seele und aus diesem Grund habe ich auch besser gespielt.  

 

Rechtsradikale und Neonazis melden sich wieder stärker in den Stadien und um die Fußballplätze herum zu Wort. Sie treten als Biedermänner in Vereine ein oder gründen neue und verbreiten dort ihre Botschaften. Und öffentlich zeigen sie sich auch.

 

Ja, ich bekomme das eins-zu-eins mit. Da wird gesungen »Auschwitz ist eure Heimat. Eure Häuser sind die Öfen. « – »Wir bauen euch eine U-Bahn bis nach Auschwitz. « Diese Sprüche machen mich erst mal fassungslos. Das ist schockierend. Ich will nicht wahrhaben, dass 66 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz Fußballfans diese menschenverachtenden Parolen ihrem sportlichen Gegner entgegen brüllen. Es macht mich vor allem aber auch traurig. Es erinnert mich an meine Kindheit. Als jüdisches Kind wurde ich von Gleichaltrigen und Älteren ausgegrenzt und als »Judensau« beschimpft.

Aber dann kommt in mir eine starke Wut hoch. Diese menschenverachtenden Parolen, die teilweise da im Stadion gebrüllt werden, dem muss etwas entgegengesetzt werden, von den Vereinen, von den Fußball-Verbänden, von der Politik, von den Fans. Am besten wäre es, die echten Fans würden sich dagegen zur Wehr setzen. Und auch die Vereinsbosse.

 

Hast Du Vorschläge?

 

Wenn Fangruppen rassistische Parolen brüllen, z. B. gegen afrikanische Spieler der gegnerischen Mannschaft, dann muss der Schiedsrichter oder der Stadionsprecher sich einmischen. Er muss sich diese Provokationen im Namen seines Vereins verbitten und die Zuschauer auffordern, diesen Sprechchören ein Pfeifkonzert entgegen zu setzen. Es gibt auch die Möglichkeit, dass der Schiedsrichter das Spiel unterbricht, die beiden Spielführer zu sich bittet und ihnen mitteilt, er werde das Spiel abbrechen, wenn die diskriminierenden Parolen nicht gestoppt werden. Ich glaube, das hat der DFB in seinem Schiedsrichter-Regelwerk jetzt so festgelegt.

 

Macht es für Dich Sinn, wenn vor einem Fußballspiel oder in der Halbzeitpause der Stadionsprecher die Fans anspricht und sie auffordert, der Opfer der Nazidiktatur zu gedenken und sich heute gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus zur Wehr zu setzen?

 

 

Natürlich macht es Sinn. Wir erleben heute einen zunehmenden Rassismus. Dieser speist sich u. a. aus der Gewalt. Gewalt erleben wir leider immer wieder in den Fußballstadien. Sie richtet sich meist gegen den sportlichen Gegner, aber vor allen gegen Menschen, die aus anderen Kulturkreisen kommen - wir erleben vermehrt Intoleranz. Hier hat das Erinnern an die Verbrechen der Nazis - an das billigende Verhalten der meisten Bürger - eine große und wichtige Bedeutung. Wir müssen jeder Form von Gewalt, Intoleranz und Rassismus, in welcher Form auch immer, entgegentreten.

 

(INTERVIEW: Schulz / Schultz)